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Artikel von Ram Swartz



WAS IST ADVAITA VEDANTA?

Erfahrung und Erkenntnis

von Ram James Swartz | > www.shiningworld.com
Aus dem Amerikanischen von
Chandravali Schang

© James Swartz
© 2006 für diese Übersetzung: Alf Lüchow

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INHALT:

• Die Erfahrung des Selbst ist nicht Erleuchtung
• Vedanta ist keine Lehrmeinung
• Es gibt keinen Advaita Vedanta
• Du bist Das
• Ursache und Wirkung
• Die drei Zustände der Erfahrung
• Die fünf Hüllen
• Existiert Erfahrung draußen?
• Die Wichtigkeit eines Lehrers
• Die Verwechslung des Selbst mit Glückseligkeit
• Die Verwirrung von Wissen und Verwirklichung
• Die Verwirrung der vielen Wege
• Bedeutet Befreiung ein Verstand ohne Gedanken?
• Ist Erleuchtung die Auslöschung unbewusster Tendenzen?
• Stufen der Erleuchtung?
• Die Stufen der Erleuchtung
• Erleuchtung als Energie
• Das Problem der Sprache
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WAS IST ADVAITA VEDANTA?


• Erleuchtung durch Verstehen


In der westlichen Spiritualität der vergangenen 150 Jahre traten viele Impulse zur Erfahrung und Erkenntnis einer „höheren“ Wirklichkeit auf – von den Bewegungen neuen Denkens der spätviktorianischen Epoche bis hin zum jüngsten New Age mit seiner Fülle spirituell orientierter Subkulturen. Als vor etwa 35 Jahren im Zuge der psychedelischen Revolution in Amerika die traditionellen religiösen und sozialen Strukturen brüchig wurden, führten eine Reihe eingewanderter Gurus und Lamas aus Indien und verschiedenen buddhistischen Ländern zahlreiche metaphysische Konzepte ein, die Antworten auf die Fragen einer Generation wissbegieriger Erwachsener zum Sinn des Lebens geben sollten.

Wie vorhersehbar war, behielt keine der Anschauungen und Übungen des Ostens ihre ursprüngliche Form, sobald sie einmal mit der westlichen Kultur in Berührung gekommen waren – selbst wenn ihre Form zu dem Zeitpunkt ihrer Ankunft gar nicht besonders „ursprünglich“ war, auch wenn sie für Westler, die schnell dem Reiz des Exotischen erliegen, sehr alt und authentisch wirkten. Viele stellten tatsächlich Mischformen älterer und reinerer Traditionen dar, die bereits auf heimatlichem Boden verfälscht worden waren. Zwei miteinander verbundene und doch unabhängige Traditionen, Yoga und Vedanta, kamen hier in einer bereits entstellten Form an.

Beide erheben den Anspruch, Philosophien der „Befreiung“ zu sein, welche die Seele von jenem Leid befreien können, das kennzeichnend für das Leben in einer unsicheren Welt ist. Beide basieren auf den Upanishaden, den ältesten und maßgeblichsten Schriften über die Natur des Kosmos, des Inividuums und des Göttlichen, die existieren ...

Yoga verspricht eine Erfahrung der Einheit der individuellen Seele mit Gott. Um zu dieser Erfahrung zu gelangen, sind bestimmte Übungen notwendig, die je nach den jeweiligen Lehrern verschieden formuliert werden.

Vedanta behauptet, dass sich die Menschen auf vielerlei Weise begrenzt fühlen und immer danach streben, sich von Begrenzungen zu befreien. Die Menschen wollen Reichtum, Vergnügen und Verdienste erwerben, weil diese sie vermeintlich von allen möglichen körperlichen, weltlichen und psychologischen Problemen befreien. Für den Vedanta stellt die Freiheit von Begrenzung das erstrebenswerteste Ziel des menschlichen Lebens dar.

Die Upanishaden, die Quelltexte des Vedanta, sagen: Vor dieser Schöpfung existiert das Selbst, grenzenloses Sein. Dieses Selbst existiert ständig außerhalb der Zeit und ist daher ewig. Und es heißt, keine Handlung wird dieses Selbst jemals „erreichen“, auch wenn es eine ständig gegenwärtige Realität ist ... denn Handlungen sind begrenzt, während das Selbst unbegrenzt ist. In diesem Punkt stimmt Vedanta nicht mit Yoga überein. Befreiung oder Erleuchtung ist gemäß dem Vedanta die Entdeckung, dass man das grenzenlose Selbst ist.



• Die Erfahrung des Selbst ist nicht Erleuchtung


Eine der irrtümlichen Auffassungen von Vedanta, die sich aus der Vermischung seiner Lehre mit den Grundsätzen des Yoga ergab, ist die Meinung, Vedanta sei ein Weg, um das Selbst zu erfahren. Vedanta behauptet, dass wir einer nicht-dualen Wirklichkeit angehören, in der alles, was existiert, das Selbst ist, einschließlich von allem, was „nicht ich“ zu sein scheint, also alles Erfahrbare. Wenn das stimmt, dann ist eine jede Erfahrung bereits das Selbst. Von diesem Standpunkt gesehen erübrigt sich die Lehre des Yoga, dass man bestimmte Übungen machen sollte, wie die Gedanken anhalten, um eine Erfahrung des „Selbst“ herbeizuführen oder „in den Zustand des Selbst zu gelangen“, ja, sie ist tatsächlich überflüssig. Das Problem liegt dem Vedanta zufolge nicht darin, ob eigenständige Erfahrungen der Einheit zugänglich sind, sondern darin, dass das Individuum nicht weiß, dass er oder sie bereits das Selbst ist ... und dass, wie bereits gesagt, jedwede Erfahrung das Selbst ist. Das Problem kann also nur durch das Wissen gelöst werden, was das Selbst ist .... und zu wissen, dass ich das Selbst bin.

Wenn nun die Wirklichkeit nicht-dual ist und Erleuchtung die Erfahrung der Einheit mit dem Selbst ist – wie erklärt man die Existenz des Erfahrenden, da Erfahrung einen Erfahrenden und ein Objekt der Erfahrung erfordert ... eine offensichtlich dualistische Ausgangslage? Das Selbst wird sich nicht selbst erfahren, weil es es selbst ist. Oder selbst wenn es sich selbst erfährt, bedarf es keines Vermittlers, sofern dieser überhaupt fähig wäre, es zu erfahren ..., was die Auffassung der Erfahrung des Selbst als einzigartige und sich von allen anderen Erfahrungen abhebende Erfahrung an sich zunichte macht. Der einzige andere Kandidat, der dafür in Frage kommt, ist das Ego, das Individuum, und der Vedanta sagt, wenn dieses existiert, dann ist es bereits das Selbst ... sein Wunsch, sich selbst zu erfahren, ist bloß eine Folge der Unwissenheit ... und kann daher sinnvollerweise aufgegeben werden.

Die Anschauung des Yoga können wir nicht gänzlich abtun, weil Millionen wahrhaftiger Menschen in den vergangenen Tausenden von Jahren das Selbst „erfahren“ haben, und so müssen wir nach einer vernünftigen Erklärung für dieses Phänomen suchen. Eine mögliche Erklärung liegt im ungenauen Sprachgebrauch. Möglicherweise ist „die Erfahrung des Selbst“ in Wirklichkeit eine Verlagerung vom individuellen Standpunkt zum Standpunkt des Selbst ... und dann wäre es genauer zu sagen, das Selbst erfährt das Ego, was der tatsächlichen Wahrheit entspricht. Weil die Verlagerung so subtil ist und sich die Sprache in der Welt der Erfahrung herausgebildet hat, ist sie nicht gut dafür geeignet, diese Verlagerung genau zu beschreiben und ist somit gezwungen, die neue Sicht in Begriffen einer Objekterfahrung eines Egos zu formulieren.

Eine weitere vernünftige Erklärung dafür, dass die Erfahrung des Selbst als Befreiung aufgefasst wird, ist die Situation, in der das Ego, das Subjekt, die Widerspiegelung des Selbst in einem klaren Gemüt, dem Objekt, erfährt, und die Widerspiegelung des Selbst für das Selbst hält ... und diese Erfahrung als Befreiung erklärt. Das Problem bei der Auffassung von Erleuchtung als Erfahrung des Selbst besteht darin, dass Erfahrung veränderlich ist ... es gibt also keine „dauerhafte Erfahrung“. Das erklärt das Phänomen des „gefallenen Yogis“, bei dem die Erfahrung des Selbst und damit auch das Gefühl, eins mit dem Selbst zu sein, wieder verschwindet. Oder im schlimmeren Fall verschwindet die Erfahrung, aber die Auffassung, man sei das Selbst, wird beibehalten und zurück bleibt ein sehr unglücklicher Mensch, da „die Erfahrung des Selbst“ ja reine Freude ist.



• Vedanta ist keine Lehrmeinung


Ein zweites und damit verbundenes Missverständnis besteht darin, Vedanta sei nur ein „intellektuelles“ Verständnis des Selbst und keine tiefe und anhaltende Erfahrung. Nach dem Vedanta ist jede tiefe und anhaltende Erfahrung ganz natürlich das Selbst, aber das gilt ebenso für eine oberflächliche und vorübergehende Erfahrung. Das Missverständnis liegt in der Auffassung, es gäbe zwei Arten von Wissen: Wissen durch Erfahrung und intellektuelles Wissen. Aber da sich in Wirklichkeit alles Wissen im Intellekt abspielt, wird es nur „intellektuell“ sein. Wenn darüber hinaus das Selbst eine Erfahrung wäre und sich das Problem der Selbsterkenntnis aus der Unkenntnis der Natur des Selbst ergäbe, wie es der Vedanta lehrt, wie könnte eine Erfahrung die Unwissenheit auslöschen? Die Analyse der Erfahrung jedoch, ob sie nun oberflächlich oder tief ist, die zu der Entdeckung führt, dass sie nichts anderes als das Selbst ist, könnte die „intellektuelle“ Auffassung sprengen, Erfahrung sei dem Wissen überlegen ist. Schließlich strebt jemand deshalb nach der Erfahrung von Einheit, weil er oder sie „intellektuell“ davon überzeugt ist, dass Erfahrung der einzige Weg zur Erleuchtung ist. Wenn er oder sie die sehr vernünftige Auffassung aufgibt, man könne das, was man bereits hat, nur durch Erkenntnis erlangen, wird er oder sie die sehr viel unvernünftigere Auffassung als rein „intellektuell“ verwerfen müssen, das Selbst sei nur durch eine besondere Erfahrung zugänglich. Vedanta legt sich in der Tat nicht mit Erfahrung an. Erfahrung ist eine universelle Erfahrung. Er sagt nur, dass Erfahrung als solche unbewusst ist und keine Erkenntnis vermitteln kann. Um Erkenntnis zu ermöglichen, egal ob es auf Erfahrung oder Schlussfolgerung basiert, muss ein bewusster Faktor außerhalb der Erfahrung existieren, der Erfahrung als das erkennt, was sie ist.

Eine weitere Verfälschung des in den Westen exportierten Vedanta ist die Auffassung, dass Vedanta eine philosophische Lehrmeinung sei. Eine Lehrmeinung ist immer die Auffassung von einer oder mehreren Personen und kann daher angezweifelt werden. Wenn eine Auffassung als Tatsache akzeptiert werden soll und nicht nur als ein Glaube oder eine Meinung, muss sie durch rechtmäßige Mittel der Wissenserlangung verifiziert werden. Aber das, worum es im Vedanta geht, nämlich das Selbst, ist nicht durch direkte Wahrnehmung oder Schlussfolgerung zugänglich, da es außerhalb von Zeit und Raum liegt, jenem Bereich, in dem die Sinne und der Verstand tätig sind. Und weil den Menschen nur drei Erkenntnismodalitäten zur Verfügung stehen (Wahrnehmung, Schlussfolgerung und Zeugenaussage) und diese nur angewandt werden können, um Objekte zu erkennen, wie kann das Selbst, das Subjekt (das nicht objektiviert werden kann), und derjenige, der sich des Mittels der Erkenntnis bedient, durch diese erkannt werden? Das Thema des Vedanta, das Selbst, kann daher keine Lehrmeinung sein.

Vedanta erscheint jedoch wie eine Lehrmeinung, da er aus aus einem Komplex von Auffassungen entstand, die aus den Veden hervorgingen. Menschen, denen sich das Selbst nie offenbart hatte, nahmen an, dass die Lehren des Vedanta einfach eine weitere Philosophie darstellten und ordneten verschiedene Interpretationen verschiedenen Lehrern zu, sodass er – für sie – allmählich mehrere Lehrmeinungen beinhaltete. Hätten diese Menschen verstanden, dass Vedanta einfach ein Mittel zur Erkenntnis des Selbst ist, wäre dieses Missverständnis nicht entstanden.

Ein Mittel der Erkenntnis ist nicht Erkenntnis. Es wird nicht weiterbestehen, sobald das zu erkennende Objekt erkannt wird. Deshalb dient das Studium der Auffassungen des Vedanta und die Bewahrung dieser Auffassungen als Glaubenssätze oder Meinungen nicht dem eigentlichen Zweck des Vedanta. Philosophien wie der Existentialismus andererseits unterliegen der Veränderung und bleiben so lange als Auffassung bestehen, wie sie einem Zweck dienen. Vedanta wird als wirksame Erkenntnismethode niemals verändert werden, da er seine Aufgabe bereits vollkommen erfüllt. Ebenso wenig wird man ihn vergessen, weil der menschliche Geist sich immer vom Bewusstsein der Begrenzung befreien muss.



• Es gibt keinen Advaita Vedanta


Der Begriff Advaita Vedanta ist genauso wie der Begriff Hinduismus unzutreffend, da er impliziert, dass es andere Vedantas gibt. Das Wort „Advaita“ bedeutet nicht-dual, was das Konzept der Dualität impliziert. Und in der Tat sprechen diejenigen, die Vedanta als eine Lehrmeinung betrachten, von Dvaita Vedanta, also dualistischem Vedanta, Vishistadvaita Vedanta, qualifiziertem Nicht-Dualismus und sogar von Bhakti Vedanta, hingebungsvollem Vedanta. Doch das Wort „Advaita“ ist kein Adjektiv, das eine bestimmte Art des Vedanta näher bestimmen soll, sondern ein Wort, das die Natur des Selbst beschreibt. Wenn wir im Sinn behalten, dass Worte immer Symbole sind, dann ist es, auch wenn nicht-dual immer dual impliziert, eher angemessen, das Selbst als nicht-dual zu bezeichnen, anstatt vom einen Selbst zu sprechen, da eins eine Zahl ist, die zwei, viele und sogar null, nichts, impliziert. Außerdem wäre es nicht angemessen, Vedanta, der nur eine Erkenntnismethode darstellt, nicht-dual zu nennen, da er in der Tat eine dualistische Methode in einer dualistischen Situation darstellt, die ironischerweise nicht-duale Erkenntnis vermittelt.

Die höchste Quelle der Lehren des Vedanta sind die Upanishaden, Texte, die dem Schlussteil eines jeden Veda angehängt sind. Das Wort Vedanta ist eine Zusammensetzung: Veda bedeutet Wissen und anta bedeutet Ende. Auf einer äußeren Ebene meint der Begriff die Upanishaden, jene Texte, die seine Lehren in Samenform enthalten, denn sie befinden sich am Ende jedes Veda. Auf der inneren Ebene bezeichnet es das nicht-duale Wissen, das den Glauben, man sei ein begrenztes Wesen, auflöst. Aufgrund der verschlüsselten Natur der upanishadischen Mantras, des subtilen Wesens des Themas, nämlich des Selbst, und der Tatsache, dass ein einziges Sanskritwort oft viele verschiedene Bedeutungen hat, kann man die Aussagen der Upanishaden verschieden interpretieren. Es hat im Laufe der Zeit eine ganze Anzahl großer Vedantalehrer gegeben, welche die Aussagen der Upanishaden unterschiedlich interpretiert haben. Das heißt aber nicht, dass es verschiedene Lehrmeinungen gibt, da sie alle Vedanta als Mittel zur Selbsterkenntnis akzeptierten.

Obwohl dem Vedanta oft irrtümlicherweise angelastet wird, eine intellektuelle Disziplin zu sein, unterschiedet sich seine Wirkung von einer solchen, da er keine Konzepte im Verstand hinterlässt, sofern er von einem Lehrer angewandt wird. Er bedient sich der Konzepte, um falsche Konzepte über die Natur des Selbst zu zerstören. Und bei dem Prozess lösen sich sowohl die richtige Auffassung als auch die irrtümliche Auffassung in die Erkenntnis unserer selbst als das Selbst auf. Da die Betonung auf der Beseitigung des Zweifels liegt, kann jede Interpretation eines Mantras angewandt werden, um den Zweifel zu beseitigen, unabhängig von anderen Interpretationen. Für eine bestimmte Person kann eine Interpretation angemessen sein, während dieselbe Interpretation für jemand anderen unangemessen ist, weil er oder sie einen anderen Zweifel hat oder den Zweifel anders formuliert. Unabhängig von der Interpretation dient Vedanta als ein Mittel zur Erkenntnis, wenn es die Unkenntnis unserer grenzenlosen Natur aufhebt.

Wenn ich ein Objekt sehen möchte, brauche ich nur meine Augen zu benutzen. Wenn meine Ohren das Objekt nicht hören, während meine Augen es jedoch sehen, dann entwertet das Zeugnis meiner Ohren dennoch nicht das, was meine Augen sehen. Wenn ich die Erkenntnis meines Selbst erlangen möchte, muss ich mich objektiv mit den Lehren des Vedanta vertraut machen, um festzustellen, ob seine Aussagen stimmen oder nicht. Da sie sich mit einer anderen Wirklichkeit befassen, widerlegen die Wahrnehmungen und Schlussfolgerungen hinsichtlich der Dinge in der Welt die Anschauung des Vedanta in keiner Weise.



• Du bist Das


In der Sicht des Vedanta wird die Identität des Individuums mit der Identität Gottes gleichgesetzt. Gott wird im Vedanta definiert als alles, was ist. Diese Vision der Nicht-Dualität, die Yoga durch bestimmte Disziplinen zu erreichen behauptet, wird nicht durch direkte Wahrnehmung oder Schlussfolgerung widerlegt. Obwohl man irrtümlicherweise glaubt, das Selbst könne erfahren werden, ist dies nicht der Fall. Warum? Weil das erfahrende Instrument, das Ego bzw. der Verstand, nur Objekte erkennen kann. Was die Yogis als eine direkte Wahrnehmung oder Erfahrung des Selbst darstellen, ist das Ego, das die Widerspiegelung des Selbst – und nicht das Selbst – in einem reinen Geist sieht, da das Selbst subtiler als der Geist und das Ego ist.

Vedanta ist keine Theologie der Befreiung, die von einem Individuum verlangt, sich zu verändern. Ichm zufolge ist die Seele, das Individuum, vollkommen und bereits frei. Wenn das Individuum also seines Gefühls der Begrenzung enthoben wird, so ist das die Folge des Verstehens, dass dem Individuum und Gott dasselbe Wesen geimeinsam ist: grenzenloses Gewahrsein. Alle anderen Lehren des Vedanta dienen nur dazu, diese Gleichsetzung zwischen Mensch und Gott zu beweisen. Oder wie es ein großer Mystiker, der wohl die Schau des Vedanta hatte, einst verkündete: „Ich und mein Vater sind eins.“ Der „Gott“, den der Vedanta im Sinn hat, ist allerdings kein bärtiger alter Mann im Himmel.

Den Kern des Vedanta bildet eine Reihe von Lehrmethoden, die so genannten Prakriyas, die sich in den Upanishaden befinden und von den Lehrern der Tradition benutzt werden, um die Sicht der Nicht-Dualität zu vermitteln. Wenn aus diesen Lehren ein philosophisches System aufgebaut wird, dann wirkt das der Absicht des Vedanta entgegen.

Vedanta versucht nicht zu beweisen, dass das Selbst existiert, weil das einzige von sich aus Offensichtliche und unabhängig Existierende in Wirklichkeit man selbst ist. Alles, was erkannt wird, wird nur deshalb erkannt, weil das Selbst, das Ich, selbstverständliches Gewahrsein ist. Vedanta konzentriert sich nur darauf, die Unwissenheit zu beseitigen, die uns davon abhält, uns als selbstverständliches Gewahrsein zu verstehen. Selbsterkenntnis ist die wertvollste Erkenntnis, die man erwerben kann, weil sie zeigt, dass zwar alles andere von einem selbst abhängt, man selbst jedoch von allem unabhängig ist. Diese Verwirklichung wird Befreiung genannt.



• Ursache und Wirkung

Die Absicht: zu zeigen, dass das Selbst grenzenlos und die Welt nicht von ihm getrennt ist.

In dieser wichtigen Lehre wird Gott als Ursache des Universums dargestellt, „das, woraus alles hervorgeht und wohin es zurückkehrt“, um die Upanishad zu zitieren. Darüber hinaus wird Gott als ewiges Gewahrsein dargestellt, das immer existiert und sich nie verändert. Die Welt wird als eine Wirkung angesehen, deren Ursache Gott ist. Aber die Welt gehört einer etwas anderen Wirklichkeitsordnung als Gott an. In einer berühmten Schrift, der Vacarambhana Shruti heißt es: Weder existiert das Universum, noch existiert es nicht. Welche Art von Existenz hat es dann? Dem Text zufolge hat es eine scheinbare und abhängige Existenz. Körper und Gemüt des Individuums befinden sich innerhalb der Schöpfung und deshalb ist ihnen dieser besondere Status eigen, doch das Individuum selbst ist ewiges Gewahrsein, nicht getrennt von Gott, und daher die Wirklichkeit von allem.

Wenn die Wirkung nur die Ursache in einer bestimmten Form ist, dann sind Ursache und Wirkung eins. Auch wenn es beispielsweise viele verschiedene Schmuckstücke aus Gold gibt, sind sie vom Standpunkt des Goldes gesehen alle dasselbe. Wenn alles im Universum durch eine einzige Ursache geschaffen ist, nämlich grenzenloses Gewahrsein, dann ist alles im Universum grenzenloses Gewahrsein. Wenn ich daher die Essenz eines beliebigen Dings erkenne, ist das genauso viel wert, wie wenn ich die Essenz jeden anderen Dinges erkenne. Um Salzwasser zu erkennen, brauche ich nicht sieben Meere zu trinken; ich brauche nur einen Schluck aus einem Meer zu nehmen. Die Verwirklichung oder das Wiedererkennen Ich bin grenzenloses Gewahrsein und das ganze Universum ist nicht von mir getrennt, auch wenn ich von ihm getrennt bin ist die Folge dieser Lehre. Dieses Wiedererkennen meiner selbst als Ganzes hebt die Sicht meiner selbst als getrennt und unvollständig auf und wird Befreiung vom Leid genannt.



• Die drei Zustände der Erfahrung

Die Absicht: zu zeigen, dass das unveränderliche Gewahrsein in den drei universellen Zuständen der Erfahrung das Selbst ist

Eine weitere wichtige Lehre, die im Vedanta benutzt wird, ist eine Analyse der drei Zustände der Erfahrung: des Wachens, Träumens und Schlafens. Bei dieser Analyse, die sich auf Erfahrung gründet, stellt der Text fest, dass sowohl im Traum als auch im Schlaf der Wachseiende und die Welt des Wachzustands abwesend sind. Im Schlaf sind Träumer und Wachseiender und ihre jeweiligen Welten abwesend. Dann schlussfolgert der Vedanta: Wenn das ICH, das Selbst, wirklich ist, d.h. ewig existent, kann es seinen Status niemals verlieren. Und doch zeigt die Erfahrung, dass diese drei „Ichs“ erscheinen und verschwinden. Dieser Analyse zufolge ist die Tatsache, dass sich die meisten von uns für Wesen halten, die den Wachzustand und die Traumzustände erfahren und dass wir uns für wirklich halten, nicht zutreffend, da wir unseren existentiellen Status als Wachseiende, Träumer und Schlafende ständig wieder verlassen.

Darüber hinaus sollte das, was das Wesen eines Objektes ausmacht, so lange in dem Objekt gegenwärtig sein, wie das Objekt existiert. Wenn es nicht gegenwärtig ist, dann ist es eine vorübergehendes Merkmal. Bei einem Kristall beispielsweise, der die Farbe eines nahen Gegenstandes annimmt, ist die Farbe zufällig. Wäre sie Teil des Kristalls, würde sie bleiben, selbst, wenn das nahegelegene Objekt weggenommen wird.

Wenn Wahrnehmung, die eine Eigenschaft des Wach- und Traumzustands ist, dem Selbst angeboren wäre, würde sie auch im Tiefschlaf existieren. Doch im Tiefschlaf existiert keine Subjekt-Objekt-Beziehung, die zur Wahrnehmung notwendig ist, und doch hört das Selbst nicht auf zu existieren.

Wenn das Selbst eigenschaftslos ist, existiert es dann nicht? Es kann nicht nicht existent sein, da Nicht-Existenz ein Konzept ist, das ein Subjekt erfordert, jemanden, der weiß. Die Erforschung des Erkennenden führt uns zu der Schlussfolgerung, dass der Erkennende das Selbst ist. Und die Natur des Selbst ist Gewahrsein, eine Ansicht, die von den Schriften belegt wird.

Gewahrsein ist in allen Zuständen der Erfahrung gegenwärtig, auch wenn das Bewusstsein des Egos im Tiefschlaf abwesend ist. Wenn die Schriften das Selbst als eigenschaftslos beschreiben, so bedeutet das, dass die Natur des Selbst Gewahrsein ist, weil Gewahrsein das Einzige ist, was frei von Eigenschaften ist. Eigenschaften, so wie das Gefühl, der Handelnde und Genießende zu sein, sind Hinzufügungen, weil sie von dem Zustand abhängig sind, in dem man sich befindet.

Gibt es eine Welt, ohne jemanden, der sie sieht? Nein, wenn dieser Jemand das Ego ist, ein unwesentliches Attribut des Selbst. Die Existenz der objektiven Welt hängt nicht von der Existenz irgendeines Individuums ab, sondern vom unpersönlichen Bewusstsein. Man kann nicht behaupten, dass sie existiert, wenn ihre Existenz nicht erfahren wird. Zu sagen, sie existiere unabhängig vom Gewahrsein, ist sinnlos. Da das Selbst Gewahrsein ist, ist es grenzenlos, und die Welt, die von der Subjekt-Objekt-Beziehung abhängt, ist nur eine scheinbare Realität, weder völlig existent, noch völlig nicht-existent.



• Die fünf Hüllen

Absicht: die universellen Irrtümer im Verständnis des Selbst aufzuzeigen, die auf jeder der fünf Ebenen der Erfahrung auftreten

Die Tatsache, dass wir uns nicht als das Selbst begreifen, lässt fünf Missverständnisse über seine Natur entstehen. Diese Missverständnisse werden Hüllen genannt, weil sie das Selbst offensichtlich verbergen und beseitigt werden müssen, um das Selbst so zu verstehen, wie es ist.

Das offensichtlichste Missverständnis über uns selbst besteht darin zu meinen, wir seien unsere grobstofflichen Körper. Die Auffassungen „ich bin sterblich“, „ich bin dick“, „ich bin männlich/weiblich“ zeigen, dass das „Ich“ sich mit dem Körper verbunden hat. Wenn das „Ich“ mit physiologischen Vorgängen verbunden wird, sagen wir: „Ich bin hungrig“, „ich bin durstig“, obgleich das ICH als Gewahrsein nicht unter diesen Empfindungen leidet. Die verbreiteten Aussagen „ich bin glücklich“, „ich bin traurig“ zeigen, dass das Ich als Emotionalkörper aufgefasst wird. Wenn der Intellekt die Auffassung hegt „ich bin ein Handelnder“ oder „ich bin ein Wissender“, verstärkt das den Glauben an sich selbst als Körper oder Verstand. Diese Auffassung ist irrig, da das Selbst nicht-duales, regloses Gewahrsein ist. Und schließlich wird das Ich für gewöhnlich mit Freude assoziiert, dem Zustand, in dem man sich gut fühlt und der endlose Aktivitäten hervorbringt. Das Selbst ist kein „Zustand“, in dem man sich gut fühlt. Es braucht sich nicht gut zu fühlen, weil es gut ist, in dem Sinne von etwas, das immer heilsam ist. Insofern ist auch das Gefühl des Sich-Erfreuens unangebracht.

Die Anwendung dieser Lehre folgt einer bestimmten Logik. Zunächst wird das Ich als der grobstoffliche Körper dargestellt, eine verbreitete Überzeugung. Dann wird aufgezeigt, dass es einen weiteren feinstofflicheren Körper aus Gefühlen und Emotionen gibt, die man auch für sich selbst hält. Wenn unsere Gefühle verletzt werden, wird man instinktiv sagen: „Ich war verletzt von dem, was sie sagte.“ Dieses „Ich“ verneint das vorherige „Ich“, denn damit ein Ich ein Ich sein kann, kann es nicht zwei sein, egal was die heutigen Theorien von multiplen Persönlichkeiten behaupten. Das Wort „Selbst“ bedeutet Essenz, die nicht aus Teilen zuammengesetzt ist. Sobald der Glaube an uns selbst als der physische Körper fallengelassen wird und man sich für den Emotionalkörper hält, führt die Lehre das „Ich“ des Intellekts ein, das sich in der Erfahrung als das Konzept „Ich bin der Handelnde“ zeigt ..., was dazu dient, die Auffassung aufzuheben, man sei nur die Gefühle und Emotionen. Wenn man einsehen kann, dass man sich als Handelnden betrachtet und die Begrenzung versteht, die in jenem Konzept liegt, wird die Auffassung des Körpers aus Glückseligkeit eingeführt. Der „Körper aus Glückseligkeit“ ist verantwortlich für Freude und das damit einhergehende Konzept „Ich bin derjenige, der sich erfreut“. Der Handelnde wird dem Sich-Erfreuenden ohnehin Platz machen, da das Handeln auf Freude abzielt, Freude jedoch nicht auf Handeln. Und zu guter Letzt wird das Selbst als die Quelle der Glückseligkeit eingeführt. Indem man so dem „Ich“-Konzept vom Groben bis zum Feinen nachgeht, wird man zum grundlegenden „ICH“, dem Selbst geführt. Die Erkenntnis des ganzen und vollständigen „ICH“ hebt alle kleineren „Ichs“ auf, das heißt, der Glaube, sich für diese zu halten, wird losgelassen und man nimmt die unbegrenzte Identität an.

Die Lehre wirkt, wenn klar wird, dass die Verbindung des „Ichs“ mit diesen fünf grundlegenden, aber kollidierenden Konzepten absurd ist, da wir aus Erfahrung wissen, dass wir nur ein Wesen sind, eine Anschauung, die von den Schriften belegt wird. Man muss tatsächlich nicht rigide dieses Konzept anwenden, wenn man das Selbst erforscht, weil die Bewusstwerdung dessen, dass sich unser Gemüt mit vielen widersprüchlichen Vorstellungen verbindet, ausreichen sollte, uns dazu zu ermutigen, alle Ichkonzepte aufzugeben. Begrenzenden Ich-Konzepten zu entsagen ist damit gleichbedeutend, das Selbst zu „erlangen“ oder zu „verwirklichen“, das in der Abwesenheit aller Konzepte existiert.

Eine Entstellung des Vedanta im Zusammenhang mit dieser Lehre besteht in der Vorstellung, die „Hüllen“ würden das Selbst tatsächlich bedecken und deshalb sei eine „transzendentale“ Technik nötig, um den Verstand anzuhalten und durch Erfahrung einen Zugang zum Selbst zu bekommen. Selbst wenn solche Techniken funktionieren, würde man sich nur an einer Erfahrung erfreuen. Und wir wissen aus Erfahrung, dass Erfahrung der Natur nach vorübergehend ist ... insofern würde daraus keine dauerhafte Lösung für das Problem der Begrenzung hervorgehen. Ja, eben weil Erfahrung vorübergehend ist, führt eine „Erfahrung des Selbst“, die sich von der alltäglichen Erfahrung unterscheidet, einfach zu Frustration im Erfahrenden, dem Ego. Um eine permanente „Erfahrung“ des Selbst zu erlangen, muss man nur einsehen, dass jede Erfahrung das Selbst ist. Wenn Erfahrung durch Erkenntnis erlangt wurde, braucht man keine Befürchtungen haben, sie „aufrechterhalten“ zu wollen, eine verbreitete Sorge derjenigen Meditierenden, die dem Pfad des Yoga folgen.



• Existiert Erfahrung draußen?

Eines der Probleme mit der erfahrungsbezogenen Lebensanschauung im Gegensatz zur analytischen Anschauung besteht darin, dass die Erfahrung scheinbar immer vom Erfahrenden getrennt ist. Aber ist dies wirklich so? Wenn tausend Menschen erfahren, wie ein Mann in einem großen Hörsaal einen Vortrag gibt und sie ihn an dem Punkt erlebten, wo er stand, würden sich all die erfahrenden Denkorgane gegenseitig mit ihren Erfahrungen überlagern und niemand würde den Mann so erfahren, wie er war. Aber Erfahrung ist völlig subjektiv. Von dem Mann ausgehende Stimuli dringen über die Sinne ein und gelangen in den Geist, der daraufhin die Form der Stimuli annimmt und dort haben wir schließlich unseren Mann.

Wie weit entfernt befindet sich das Selbst also von Erfahrung? Gibt es eine Öffnung, vielleicht so etwas wie einen Tunnel, durch den das Selbst aus seiner Welt in die Welt der Erfahrung reist? Nein. Erfahrung ist vielmehr das Selbst, das Form annimmt, so wie das Meer die Form von Wellen annimmt. Wenn ich beispielsweise nach dem Selbst als einem Objekt suche, als transzendentale Erfahrung, oder wenn ich die Erfahrung des Selbst als Objekt auffasse, unterliege ich einer Täuschung, da alles, was ich erfahre, nur ich ist. Das bedeutet jedoch keinesfalls, dass Erfahrung mich in irgendeiner Weise widerlegt oder mir Gültigkeit verleiht, da sie von mir abhängt, ich jedoch nicht von ihr.



• Die Wichtigkeit eines Lehrers

Wäre Vedanta eine philosophische Lehrmeinung, müsste man, um ihn zu erfassen, nur die Konzepte auswendig lernen. War man sich vor dem Studium der Natur seiner selbst nicht bewusst, so würde diese Unwissenheit bleiben ... mit einer neuen Schicht von Vorstellungen darübergepackt. Doch weil Vedanta ein Mittel der Erkenntnis ist, erfordert er einen Lehrer, jemanden, der als das Selbst „gegründet“ ist und der geschickt entsprechend den traditionellen Methoden die Lehren einsetzen kann. Und wie es auch bei fortgeschrittenen Studien bei weltlichen Fächern erforderlich ist, muss auch die Person, bei der die Lehren angewandt werden, qualifiziert oder vorbereitet sein, um sie zu empfangen. Wenn der Lehrer oder die Lehrerin nicht weiß, wer er oder sie ist, oder wenn seine oder ihre Erleuchtung in Begriffen von Erfahrung formuliert ist, dann kann er oder sie das Selbst nur als ein Objekt darstellen, das es zu erlangen gilt, und bestimmte Übungen empfehlen, die seiner oder ihrer Ansicht nach dem Schüler Zugang zum Selbst verschaffen. Da Vedanta ein Mittel zur Erkenntnis ist, ist er keine Übung, die zur „Erfahrung des Selbst“ führen wird, und auch keine Theorie über die Existenz eines transzendentalen „Zustands“. Sein Thema ist Gewahrsein, und da Gewahrsein der Inhalt oder die Essenz jeder Erfahrung ist, braucht Vedanta nur das Selbst zu enthüllen, um einem die dauerhafte Selbsterfahrung zu gewähren ... da es schließlich nichts Dauerhafteres gibt als man selbst. Einzelne Erfahrungen kommen und gehen, doch das „ICH“, das Selbst, ist vor, in und nach jeder Erfahrung gegenwärtig. Der „Zugang“ zum Selbst, den Vedanta vermittelt, bezieht sich auf die Beseitigung der Unwissenheit und besteht nicht aus einer mechanischen Technik wie den Verstand anzuhalten.

Man kann ein Pferd zum Wasser führen, aber man kann es nicht zum Trinken bringen. Obgleich ein Lehrer notwendig ist, da man die Prakriyas nicht bei sich selbst anwenden kann, indem man nur die alten Texte studiert, kann der Lehrer nicht jedem qualifizierten Anwärter aufs Geratewohl Erleuchtung gewähren, indem er einfach die Lehren enthüllt. Da die Unwissenheit hartnäckig ist, muss der Schüler „Erkenntnis üben“.

Das „Herunterkommen“ oder „Zurückfallen“, das man auf erfahrungsbetonten Wegen wie dem Yoga erleidet, passiert auch im Vedanta. Wenn die das Selbst erforschende Person die Lehre versteht und sieht, wie der Lehrer sie einsetzt, so ermöglicht ihr dies, die entsprechende Lehre auf den Verstand so lange auch außerhalb der Lehrsituation anzuwenden, bis auch die letzte Spur von Unwissenheit zerstört ist.



• Die Verwechslung des Selbst mit Glückseligkeit

Da das Leben in dieser Welt ohne das Verständnis unserer selbst als grenzenloses Gewahrsein beträchtliches Leiden beinhaltet, möchten sich die Menschen allgemein gut fühlen. Dieses Verlangen hat den Glauben hervorgebracht, es existiere ein erfahrbarer „Zustand permanenter Glückseligkeit“, Ananda, der durch bestimmte Übungen zugänglich sei. Dieser Glaube basiert auf einem ungenauen Verständnis des Wortes „ananta“, das in den Upanishaden verwendet wird, um das Selbst zu beschreiben. Ananta wird immer als „Glückseligkeit“ übersetzt, obgleich die eigentliche Bedeutung Grenzenlosigkeit ist. „Anta“ bedeutet Ende und „a“ ist die Verneinung, in diesem Fall also „das, was nicht endet“. Die eigentliche Bedeutung des Wortes ist also das Selbst, Gewahrsein.

„Das Licht kennt die Dunkelheit, aber die Dunkelheit kennt nicht das Licht.“ Wie jede Erfahrung ist die Glückseligkeit, die erzeugt wird, wenn der Verstand vorübergehend frei von Angst und Verlangen ist, unbewusst. Sie kennt das Selbst nicht. Aber sie wird erfahren, weil das Selbst, das Gewahrsein, sie erhellt. Das Beste, was man mit dem Wort Glückseligkeit tun kann, ist, es als ein Symbol für das Selbst zu sehen, als eine Bekräftigung, dass das Selbst Fülle ist, ein Ganzes ohne Teile. Wenn jemand, der unter den Veränderungen des Körpers und Verstandes gelitten hat, anfangs zum Selbst erwacht, dann scheint sich das Selbst sehr gut „anzufühlen“. Doch das „Gefühl“, das eine Interpretation des Verstands ist, ist nicht die Gegenwart eines positiven Zustands des „Selbst“, sondern nur die Bewusstwerdung, dass keine Veränderung mehr da ist. Wenn man länger als das Selbst gegründet ist und die Erinnerung an das Leid abnimmt, löst sich das Gefühl der Glückseligkeit allmählich in nicht-duale Ganzheit ohne Teile auf. Als Selbst brauche ich mich nicht gut zu fühlen, weil ich gut bin, das heißt, ich bin die Essenz jeder Erfahrung.

Wenn Selbsterkenntnis als die „Erfahrung grenzenloser Glückseligkeit“ gepriesen wird, dann glaubt man allgemein, dass diese Glückseligkeit des Selbst der vorübergehenden Glückseligkeit, die man im täglichen Leben trifft, unendlich überlegen ist. Aber die Schriften sagen, dass jede Erfahrung von Glückseligkeit, ob sie aus einer Sinneserfahrung, der Entdeckung eines unbekannten Objekts oder spirituellen Übungen wie Yoga hervorgeht, einfach die Fülle und Grenzenlosigkeit des Selbst ist, die sich im Körper/Verstand spiegelt.

Die Anerkennung dieser Tatsache löscht den Glauben an sich selbst als unglücklich, begrenzt und sterblich aus.



• Die Verwirrung von Wissen und Verwirklichung

Ein weiterer schlecht durchdachter Glaube, der in der modernen spirituellen Welt recht verbreitet ist, ist die Vorstellung, Selbsterkenntnis sei etwas Intellektuelles und Selbstverwirklichung sei etwas „Erfahrbares“. Aufgrund dieser Verwirrung denkt man, das Studium der Schriften diene nur dem Wissen, während andere Übungen wie die Samadhis des Yoga der praktischen „experimentellen“ Erleuchtung dienen.

Diese Verwirrung zwischen Wissen einerseits und erfahrener Verwirklichung andererseits rührt daher, dass das Selbst nicht gleichermaßen in allen Situationen erkannt wird. Wenn das Selbst immer gegenwärtig und zugänglich ist, dann sind die Schriften, die vom Selbst in Gestalt des Lehrers eingesetzt werden, der direkteste Weg, das „Selbst zu erfahren“, weil sie die Natur des Selbst enthüllen. Und wenn uns nur Wissen befreit, da das Problem ja die Unwissenheit ist, wäre eine Technik, die „Erfahrung“ des Selbst geben soll, tatsächlich eine indirekte Verwirklichung, da die erfahrung in Wissen umgewandelt werden müsste, damit sie andauert. Die Absurdität des erfahrungsbezogenen Standpunkts ist offensichtlich, wenn wir in Betracht ziehen, dass jedwede Erfahrung, die wir irgendwann haben, das Selbst ist ... aber das Selbst ist keine Erfahrung.

Wissen ist nur direkt oder indirekt. Direktes Wissen entsteht gleichzeitig mit Wahrnehmung. Indirektes Wissen ist Schlussfolgerung. Ich sehe Rauch und schließe auf Feuer. Das abfällige Adjektiv „intellektuell“ ist völlig fehl am Platz, außer wenn man andere Arten von Wissen differenzieren will, wie körperliches, emotionales, intuitives usw. Tatsächlich ist alles Wissen „intellektuell“, weil der Intellekt das einzige Instrument ist, das die Fähigkeit besitzt zu wissen. Ein Gefühl oder eine Intuition sind kein Wissen um das Selbst, da siedas Produkt unbewusster unpersönlicher Kräfte sind. Sie werden erfahren, weil das Selbst den Intellekt erhellt, in dem Gefühle und Gedanken auftauchen.

Der Sprachgebrauch zeigt, dass das, was eigentlich mit dem Wort „intellektuell“ gemeint ist, auf Wissen deutet, das nicht durch Erfahrung erhärtet ist. Eine Person kann intellektuell wissen, was Liebe ist, ohne dass sie je verliebt war. Doch das Selbst ist keine Erfahrung wie die Liebe. Wenn ich existiere, dann bin ich das Selbst, insofern mangelt es mir nicht an Erfahrung des Selbst. Das Bedürfnis, mich selbst zu erfahren, ist daher unangebracht und ich brauche eine andere Methode, die Erkenntnis, um die „Erfahrung“ zu erlangen, die ich bereits habe. Die zahlreichen Sucher nach Selbsterfahrung, die irgendwann desillusioniert werden, weil sie keine permanente Erfahrung des Selbst erlangen können, sollten ihre Suche in eine Suche nach Verstehen verwandeln, wenn sie sich von der Bindung an ihre Anhaftung an Erfahrung befreien wollen ... die sie von der Erleuchtung abhält.



• Die Verwirrung der vielen Wege


Die Idee, Selbsterkenntnis könne auf vier verschiedene Weisen erlangt werden, ist eine Entstellung, die bereits, lange bevor der Vedanta in den Westen exportiert wurde, in Indien stattfand. Nach dieser Ansicht wird jeder der vier Wege ein Yoga genannt und unterscheidet sich von den anderen dreien. Jeder war für einen anderen Menschentyp bestimmt. Der Weg der Hingabe sollte den Bedürfnissen einer vorwiegend emotionalen Person dienen. Der Weg des Handelns war für extravertierte, handlungsorientierte Menschen bestimmt und der Weg des Wissens für Menschen mit intellektueller Ausrichtung. Raja Yoga, der achtfache Weg, war für den Menschen bestimmt, der nicht zu den anderen drei Typen gehörte.

Selbsterkenntnis durch Handlung zu erreichen ist eine offensichtliche Absurdität, weil Erkenntnis ein Mittel erfordert und Handeln kein gültiges Mittel der Erkenntnis ist. Eine Handlung, mit der man etwas erlangen möchte, was man bereits hat, ist in der Tat von Unwissenheit motiviert. Anstatt die eigene Unwissenheit zu beseitigen, wird sie nur den unüberlegten Glauben an sich selbst als Ausführenden „selbstlosen“ Handelns, als Devotee Gottes oder als einem Erkennenden der Wahrheit bestärken ... was alles ichbezogene Identitäten sind.

Die Veden empfehlen eigentlich nur zwei Lebensweisen im Hinblick auf die Befreiung: die Lebensweise eines Hausvaters und die eines Entsagenden. Der Entsagende strebt einzig und allein nach Selbsterkenntnis und hat keine bindenden Verpflichtungen. Der Hausvater soll in einer bestimmten Haltung Handlungen ausführen, um seinen Geist für die Selbsterkenntnis vorzubereiten.

Wenn sich jemand ausschließlich für einen Devotee hält, dann ist diese Identität nicht sicher, denn hingebungsvolle Übungen wie Pujas, Chanten und Meditation oder Gebet sind alle Karmas, Aktivitäten. Insofern ist diese Person nur ein Karma Yogi, ein Ausführender ritualistischer Handlungen. Darüber hinaus ist Hingabe nicht eine Eigenschaft, die einem bestimmten Individuum oder Weg eigen ist, sondern man findet sie in jedem, der ein spirituelles Ziel verfolgt. Beispielsweise strebt man nicht ohne Hingabe nach Selbsterkenntnis oder Selbsterfahrung. Die Auffassung der Hingabe als besonderer Weg findet sich also nicht in den Veden.

Die Auffassung des Integralen Yoga, die zwar auch nicht richtig in den Veden steht, wurde dennoch im letzten Jahrhundert mit dem Vedanta in Zusammenhang gebracht, vor allem durch die Werke Sri Aurobindos. Nach dieser Ansicht besitzt der feinstoffliche Körper drei innere Zentren, das Gemüt (Emotionen/Gefühle), den Intellekt und das Ego, die sich oft in Konflikt befinden; daher bedarf es dreier Techniken, um den feinstofflichen Körper zu einem Werkzeug zu formen, welches das Selbst erkennen und diese Erkenntnis permanent erhalten kann. Die Praxis der Hingabe soll dazu beitragen, grobe Emotionen in Hingabe an Gott zu verwandeln, der nicht vom Selbst getrennt ist. Der Yoga des Handelns trägt dazu bei, das Ego aufzudecken und seine Auffassung von sich selbst als Handelnder abzuschwächen. Und die Praxis der Erkenntnis trainiert den Verstand, eher vom Standpunkt des Selbst zu denken als vom Standpunkt des Ego, während sie das Individuum nach und nach in Harmonie mit der natürlichen Ordnung der Dinge bringt und auf diese Weise Stress und Konflikt vermindert. Diese Anschauung kann bestenfalls dazu beitragen, den Geist für die Selbsterkenntnis vorzubereiten, doch aus den zuvor genannten Gründen erfüllt sie nicht die Voraussetzungen, ein gültiges Werkzeug der Selbsterkenntnis zu sein.



• Bedeutet Befreiung ein Verstand ohne Gedanken?

Eine der populärsten und irreführendsten Ansichten, die den Kern der Yogalehre bildet und die man mit dem Vedanta verbunden hat, ist die Idee, Befreiung bedeute die Auslöschung aller Gedanken im Verstand. Diese Idee ist darin begründet, dass die Schriften das Selbst als frei von Gedanken beschreiben, und weil man Zustände von Auflösung erfährt, wenn der Verstand im Wachzustand vorübergehend angehalten wird. Doch wenn ein gedankenfreier Verstand Befreiung bedeuten würde, dann würde jeder bereits erleuchtet sein ... denn wer hat nicht schon einmal geschlafen? Sogar zwischen zwei Gedanken befindet sich eine kleine Lücke, in der Gedanken abwesend sind. Wenn die Abwesenheit von Gedanken im Bruchteil einer Sekunde nicht Erleuchtung bedeutet, dann läuft auch die Abwesenheit von Gedanken für ein, zwei Stunden nicht auf die befreiende Erkenntnis hinaus „Ich bin grenzenloses Gewahrsein“. Realistisch gesehen bedeutet die Idee, die Abwesenheit von Gedanken sei Erleuchtung, dass es so etwas wie Erleuchtung nicht gibt. Außerdem: Wenn man nur erleuchtet ist, wenn der Verstand frei von Gedanken ist, was passiert dann mit der Erleuchtung, wenn der Verstand zu denken beginnt? Der Verstand wird sich nicht von Gedanken befreien, weil er nicht erkennen kann, dass Gedanken ein Problem sind. Also müsste es jemand anders tun. Das Einzige, das die Gedanken beseitigen könnte, wäre das Selbst, aber das Selbst ist bereits frei von Gedanken und daher bestände für das Selbst kein Grund, den Verstand zu sprengen. Auch wenn der Verstand einer untergeordneten Realitätsebene angehört, ist er vom nicht-dualen Standpunkt des Selbst aus dennoch das Selbst und stellt deshalb keine Bedrohung dar.

Weil Erleuchtung das Wesen des Selbst ist, impliziert die Auffassung, Gedankenleere oder „no mind“ sei Erleuchtung, eine Dualität zwischen dem Selbst und dem Denken. Ginge man davon aus, das Selbst würde nicht existieren, solange der Verstand existiert, so hieße das, das Selbst und der Verstand würden derselben Wirklichkeitsordnung angehören, wie beispielsweise ein Tisch und ein Stuhl. Aber das ist nicht der Fall. Wenn das eine nur in der Abwesenheit des anderen existiert, dann gehören beide derselben Wirklichkeitsordnung an, so wie Krankheit und Gesundheit. Aber wird durch die Existenz des Denkens die Existenz unserer selbst in Frage gestellt? Existiert Denken unabhängig von einem selbst? Gedanken kommen in der Tat aus Ihnen, aber Sie sind nicht nur ein Gedanke. Die Gedanken hängen von Ihnen ab, aber Sie hängen nicht von den Gedanken ab. Egal, ob also Gedanken da sind oder nicht, das stets freie, stets gegenwärtige Selbst kann immer direkt erkannt werden.



• Ist Erleuchtung die Auslöschung unbewusster Tendenzen?

Die Gedanken und Gefühle im Verstand entstehen nicht von selbst, sondern sind die Auswirkungen von subtilen Ursachen, den so genannten Vasanas, „unter“- oder unbewusster Tendenzen, die aus vergangenen Erfahrungen angesammelt wurden. Die Gesamtsumme dieser Tendenzen nennt man gewöhnlich das Individuum. Da diese Tendenzen die Ursache für alle Gewohnheiten des Individuums darstellen, gehen sie dem Individuum voraus und binden es an einen sich wiederholenden Kreislauf der Erfahrung. Um sich von dieser Bindung zu befreien, glaubt man, dass man die Vasanas völlig löschen muss. Da dann keine Tendenzen weiterbestehen, die das Individuum ausmachen oder es zusammenhalten, glaubt man, es würde sich folglich auflösen und automatisch würde dann das Selbst, das übrig bliebe, erkannt. Aber wenn das Individuum verschwunden ist, wer bleibt dann, um das Selbst zu erkennen? Das Selbst braucht natürlich nichts zu verwirklichen, da es bereits verwirklicht ist.

Ein zweites Problem bei dieser Theorie besteht darin, dass niemand weiß, wie viele Vasanas im Unbewussten gespeichert sind, vielleicht Milliarden oder mehr, insofern bedarf es möglicherweise Millionen von Leben, um sie zu löschen. Drittens existieren in einer nicht-dualen Realität nicht zwei getrennte Prinzipien, das Selbst und die Vasanas. Wenn nur das Selbst existiert, wie die Schriften sagen, und die Vasanas existieren, dann würden diese nur als das Selbst existieren. Mit anderen Worten, ihre Wirklichkeit würde vom Selbst abhängen, so wie die Realität eines Tongefäßes vom Ton abhängt. Alles, was von etwas anderem abhängt, um existieren zu können, ist nicht real. Es ist zwar erfahrbar, aber nicht wirklich im Sinne von unveränderlich. Wenn Vasanas das Selbst sind, aber das Selbst nicht die Vasanas ist, dann ist es bereits frei von ihnen und es bedarf keiner Arbeit, um das Selbst zu „erlangen“.

Aber wenn Erleuchtung die Erkenntnis ist „Ich bin das Selbst, grenzenloses Gewahrsein“, dann findet diese Erkenntnis notwendigerweise im Verstand statt. Wäre der Verstand darüber hinaus sehr von Gedanken und Gefühlen in Form von Zuneigungen und Abneigungen gestört und wären diese Zuneigungen und Abneigungen, Ängste und Wünsche die bewussten Auswirkungen, deren Ursache die Vasanas wären, dann könnte der Verstand in einen klaren, ruhigen Zustand gebracht werden, indem man die Vasanas löscht, die ihn beunruhigen ... und man würde ihn dadurch auf die Erkenntnis vorbereiten. Insofern ist die Löschung der Vasanas nützlich, um den Verstand für die Selbsterkenntnis vorzubereiten, aber sie ist nicht gleichbedeutend mit Erleuchtung.



• Stufen der Erleuchtung?

Wenn die Unwissenheit das Problem ist und Erleuchtung das von Erfahrung bestätigte Verstehen ist, dass ich grenzenlos bin, dann gleicht die Aussage, es gäbe Stufen der Erleuchtung, der Aussage, eine Frau sei ein klein bisschen schwanger. Entgegen der allgemeinen Überzeugung ist kein erleuchteter Mensch mehr oder weniger erleuchtet als irgendjemand anders, da das Selbst ein unveränderliches Gewahrsein ist.

Wie sind dann die offensichtlichen Verschiedenheiten im Verständnis und in der Erfahrung bei verschiedenen Erleuchteten zu erklären? Vom Standpunkt des Selbst aus ist Erleuchtung insofern ohne Belang, da keine Unwissenheit existiert. Und da das Selbst nicht-dual ist, existiert in ihm keine Erfahrung. Doch das Selbst kann die Erscheinung von Dualität hervorbringen. So wie eine Spinne sowohl die Substanz ihres Netzes ausmacht als auch die Intelligenz verkörpert, die das Netz gestaltet, erscheint das Selbst als die Welt und verleiht den individuellen Wesenheiten darin Gestalt. Das, was Erfahrung genannt wird, ist das Selbst, das durch die verschiedenen Wesen wirkt (Pflanze, Tier und Mensch), so wie Elektrizität durch verschiedene Geräte funktioniert. Durch eine Glühbirne produziert sie Licht, durch einen Heizkörper Hitze und durch ein Radio Klang. Obwohl die Manifestationen oberflächlich gesehen verschieden sind, sind sie alle nur Elektrizität, die durch den Kontakt mit dem Gerät transformiert wurde.

Es gibt keine „erleuchteten Wesen“, da nur ein gestaltloses Selbst existiert. Wenn daher die Erkenntnis das Individualitätsbewusstsein einer Person vernichtet, „wird“ das Individuum automatisch das Selbst. Das „Werden“ ist keine physische Veränderung oder die Erfahrung der Beseitigung des Individuellen. Es ist eine Veränderung im Verstehen. So wie die Erkenntnis der Natur einer Fata Morgana jemanden davor bewahrt, sie für Wasser zu halten, so erlaubt einem die Erkenntnis „Ich bin das Selbst“ zu verstehen, dass der Erfahrende, das Individuum, nur ein scheinbares und kein wirkliches Ich ist.

Ein „erleuchtetes Wesen“ ist einfach das Selbst, das durch einen Verstand wirkt, dessen Unwissenheit über das Selbst beseitigt wurde. Doch die Beseitigung der Unkenntnis des Selbst beseitigt nicht automatisch die Vasanas im Verstand, obwohl sie letztendlich deren bindende Wirkung aufhebt, da sie nur durch Unwissenheit binden. Da vom Standpunkt des Selbst aus alle Vasanas nur als das Selbst erkannt werden, trifft es keinerlei Wahl, welche Art von Vasana es erhellt. Deshalb wirkt es durch die bestehenden Vasanas. Da die Vasanas die Ursache der Energie des Verstands, von Einstellungen und Meinungen, von Unwissenheit und Wissen sind und jeder Verstand einzigartige und verschiedene Erfahrungen hat, scheint das Selbst einzigartig und verschieden zu sein. Dieser „Schein“ wird von einem Mangel an Unterscheidung verursacht, jener Kraft, die das Wirkliche vom Erfahrbaren trennen kann; deshalb wird ein Mensch ohne Unterscheidung fälschlicherweise annehmen, dass es viele Arten von erleuchteten Wesen gibt und viele Stufen der Erleuchtung.



• Die Stufen der Erleuchtung

1. Verdunklung

Nichtsdestotrotz existieren vom Standpunkt des Individuums drei „Stufen der Erleuchtung“. Die erste Stufe kann man durchaus die „Verdunkelung“ nennen. Wir kommen mit der Erfahrung unserer Grenzenlosigkeit und Einheit mit allem in dieses Leben, doch weil der Intellekt sich noch entwickeln muss, verstehen wir nicht, was wir erfahren. Wenn der Intellekt sich entwickelt, wird er darauf getrimmt, das Ich für ein begrenztes, unvollkommenes, unzulängliches Geschöpf zu halten und ermutigt, das Problem der Unzulänglichkeit dadurch zu lösen, dass es im Leben Erfahrungen sammelt. An einem bestimmten Zeitpunkt erkennt das Individuum schließlich, dass die erfahrenen Objekte und Aktivitäten diesen Zweck nicht erfüllen, egal wie viele Erfahrungen es erwerben mag. Das ist meistens eine unangenehme Erkenntnis, die oft in einer tiefen Lebensdesillusionierung mündet und in der religiösen Literatur häufig als die „dunkle Nacht der Seele“ oder volkstümlich „an seinen Tiefpunkt kommen“ bezeichnet wird.

Die meisten reagieren auf diese existentielle Krise damit, dass sie ablenkenden Gewohnheiten verfallen oder Substanzen, die den Geist betäuben und/oder frivolen Vergnügen nachgehen, aber aus unbekannten Gründen haben einige Menschen verschiedene seltsame und unweigerlich verwirrende religiöse oder spirituelle Erfahrungen, die sie zu einer Ahnung von Gott oder von einem „inneren Licht“ oder einem „höheren Zustand“ führen. Und an einem gewissen Punkt dieser Phase wird dieser Mensch davon überzeugt, er oder sie könne das Glück „innen“ oder in einer Beziehung zu Gott finden.


2. Selbsterkenntnis/ Selbsterforschung

Die zweite Phase könnte man die Phase der „Suche“ nennen, die meistens in zwei scheinbar getrennte Richtungen geht. Der religiöse Weg führt zur Entwicklung einer persönlichen Beziehung mit Gott, den man sich als ein reines, vollkommenes Wesen vorstellt, das sich von einem selbst unterscheidet. Man hegt eine Auffassung vom Ich als unzulänglich, unvollständig und getrennt und oft auch als von Sünde verdorben. Rettung wird durch die Anrufung von Gottes Gnade durch Gebet, Studium der heiligen Schriften und hartes Arbeiten auf Erden verheißen, um sich einen Platz im „gelobten Land“ zu verschaffen, einem Himmel, der weit entfernt von diesem Tränenschleier ist und nur gefunden werden kann, wenn man den physischen Körper aufgibt. Das religiöse Leben bietet eine positive Alternative gegenüber der Ansicht, nur die Welt verleihe allem Sinn.

Die andere Abzweigung des Weges führt in eine weniger doktrinäre und glaubensbelastete Richtung, nämlich in die Erfahrung der „inneren“ Welt und eine Erforschung des Selbst. In weltlicher Ausprägung hieße das beispielsweise, dass wir dazu neigen, Psychologie zu studieren, aber in seiner „spirituellen“ Ausprägung hat der Mensch dann Erscheinungen, flüchtige Samadhis, Satoris und ähnliches, die ihn davon überzeugen, dass „die Wahrheit“ sich „innen“ als das „höhere“ oder „innere“ Selbst oder als irgendein transzendentaler Bewusstseinszustand befindet. Er oder sie wird die Veränderungen in dieser Phase als ein „Erwachen“ charakterisieren. Auch wenn die Erfahrung des inneren Selbst/ der inneren Wahrheit/ des inneren Zustands immer erhebend ist und unsere Suche intensiviert, ist sie gleichwohl auch immer verwirrend, weil die erhaltene Information unsere gewöhnliche Auffassung herausfordert, bei der wir uns als bedürftige, unvollständige, unzulängliche und getrennte Wesen sehen. Viele dieser Erfahrungen können tatsächlich als die Erfahrung der Einheit mit allen Dingen, als Grenzenlosigkeit und transzendente Glückseligkeit beschrieben werden.

In dieser Phase, die man auch das Stadium der Meditation nennen kann, wendet sich der Geist, der zuvor auf Ereignisse in der äußeren Welt gerichtet war, nach innen und konzentriert sich auf das Selbst, das „Licht im Innern“, und „erkennt“ an einem bestimmten Zeitpunkt, meistens nach intensiver Erforschung, das Selbst, da das Selbst der Ursprung aller Erfahrung ist. Diese „Erkenntnis“ nimmt immer die Form einer Erfahrung an und wird von vielen für das Ende der Suche gehalten ... und für den „höchsten“ Zustand. Aber der Vedanta sagt, obgleich dies ein willkommener und erfreulicher „Zustand“ ist, ist er nicht das Ende, da noch immer ein Gefühl der Trennung zwischen Erfahrendem und dem Objekt der Erfahrung, dem Selbst, existiert. Wo Trennung ist, da besteht auch noch Zweifel, der sich darauf bezieht, dass dieser „Zustand“ so wie alle Zustände enden wird und der Erfahrende wieder in die Finsternis geschleudert wird ..., was unweigerlich geschieht, denn was tatsächlich passiert, ist, dass die Erfahrung in der Tat keine Erfahrung des Selbst, sondern eine Spiegelung des Selbst in einem stillen Geist ist, und da sowohl der Erfahrende, das Ego, und der Geist sich in der Zeit befinden, unterliegen sie dem Wandel.

Der Zweifel erklärt sich daraus, dass es dem Erfahrenden nicht gelingt zu verstehen, dass das Erfahrene nur sein eigenes Selbst ist ... und insofern nie verloren gehen konnte. Das Unvermögen, die Erfahrung in Erkenntnis zu verwandeln, ist meistens durch den Glauben begründet, dass Wissen bloß intellektuell sei und es so etwas wie eine permanente Erfahrung gebe. Wenn dann die Erfahrung stattfindet, taucht der Intellekt in Glückseligkeit, Frieden und Glanz unter und schaltet ab, so wie er es bei den meisten intensiven sinnlichen Erfahrungen macht, und hört auf zu erforschen.

Um auf die „letzte“ Stufe zu kommen, die keine Stufe mehr ist, muss die Erforschung während der Erfahrung des Selbst weitergehen. Bei der gewöhnlichen Wahrnehmung erhebt sich eine Gedankenwelle im Gemüt, die der Natur des wahrgenommenen Objekts entspricht. Sie sehen einen Baum und wissen, dass es ein Baum ist, weil das Selbst, Gewahrsein, den Gedanken des Baumes erhellt, wenn er im Intellekt auftaucht. Ebenso taucht ein Gedanke auf, welcher der Natur des Selbst entspricht, wenn das Ego die Widerspiegelung des Selbst in einem reinen Geist erfährt. Dieser Gedanke wird Akhandakara Vritti oder nicht fragmentierter „Ich“-Gedanke genannt, und diesen Gedanken muss man sich zu eigen machen. Wenn man sich ihn zu eigen macht, dann ist es dieser „Ich“-Gedanke, bestätigt von Erfahrung, welcher die Auffassung im Ego/Gemüt zerstört, es sei begrenzt, unvollkommen und getrennt.


3. Erleuchtung

An diesem Punkt stoppt alles und es findet eine subtile Verlagerung im Gewahrsein statt, bei welcher der Vordergrund zum Hintergrund wird und der Hintergrund zum Vordergrund. Das Ego/ der Geist als Subjekt, welches über das Selbst als Objekt, meditiert, wird zum Objekt, und das frühere Objekt, das Selbst, wird zum Subjekt. Und das verändert sich nie, weil es durch die Erkenntnis erlangt wurde, dass das, was ich erfahre, ich bin, aber ich bin nicht das, was ich erfahre. Man „wird“, mit anderen Worten, das Selbst. Das Selbst kann im Gegensatz zu einer Erfahrung niemals verloren gehen, da es mein Ich ist, die Basis von allem ... und es existiert nichts außerhalb von ihm, was man verlieren könnte.



• Erleuchtung als Energie?

Ein ziemliches Missverständnis, das im Menschen durch die Faszination der Erfahrung und durch das Verlangen nach ihr ausgelöst wird, ist der Glaube, erleuchtete Wesen hätten eine bestimmte Art von „Energie“ und jene Energie sei eine Folge ihrer Erleuchtung. Aber die Erfahrung bestätigt es und die heiligen Schriften sagen es, dass das Selbst keiner Energie bedarf; wenn ich also das Selbst bin, habe ich keine Energie. Wie erscheint es dann so, als wäre es Energie?

Das Selbst erscheint erst als Energie, wenn es einen bestimmten Geist erhellt. Der Geist besteht einfach aus den Vasanas eines bestimmten individuellen Wesens. Diese Vasanas sind subtile Materie. Materie ist unbeweglich. Aber wenn sie vom Selbst erhellt wird, dann wird sie dynamisch, so wie ein Same so lange ruht, bis er Wasser und Sonnenlicht erhält. Die Vasanas werden von drei Arten von Energie bestimmt: sattvischer, rajasischer und tamasischer.

Tamasische
Energie ist eine schwere, dumpfe, schläfrige Energie, als ob sich der Geist unter einer Wolke befindet. Rajas ist eine projizierende Energie, eine leidenschaftliche, dynamische, nach außen gerichtete, unruhige Energie. Und im Zustand von Sattva ist der Geist leuchtend, klar, still und bewusst. Wenn das Licht des Selbst auf die tamasischen Vasanas fällt, scheint die Person unwissend, schläfrig und antriebslos zu sein. Fällt das Licht des Selbst auf die rajasischen Vasanas, dann ist die Person außerordentlich dynamisch und kraftvoll und oft hochmotiviert. Wenn das Licht des Selbst auf Sattva fällt, ist die Person klar und aufgeweckt, verständig und liebevoll.

Die meisten Wesen jagen aufgrund ihres Gefühls der Unvollständigkeit mit rajasischer Leidenschaft tamasischen Objekten hinterher (materiellen Dingen und sinnlichem Vergnügen). Deshalb sind ihre Vasanas überwiegend tamasisch und rajasisch. Erwacht also eine Person, die tamasische Vasanas besitzt, dann wird ihre Energie überwiegend tamasisch und rajasisch sein, selbst wenn die Erkenntnis gefestigt ist ... es sei denn, man arbeitet daran, die Vasanas zu transformieren. Einige wenige Menschen erkennen, dass tamasische und rajasische Vasanas unangenehme Erfahrungen des Verlangens und der Abneigung erzeugen, und sie entwickeln Methoden, um sich von ihnen zu befreien. Wenn sie das Selbst erkennen, werden sie außergewöhnlich strahlend, weil der Geist so still ist, dass er den Glanz des Selbst getreu reflektiert.

Es gibt ein weiteres so genanntes spirituelles Phänomen, den Shaktipat Guru, eine Person mit außergewöhnlich kraftvoller und strahlender Energie, einer Energie, die im Bewusstsein von Menschen im Umkreis intensive Erfahrungen hervorrufen kann. Man geht oft davon aus, dass solche Gurus erleuchtet sind. Das ist möglich, wenn sie die stabile Erkenntnis haben „Ich bin grenzenloses Gewahrsein“ und der Geist besonders sattvisch ist, aber dieses Phänomen lässt sich auch anders erklären und hat dann nichts mit Erleuchtung zu tun.

Es gibt eine Reihe von wissenschaftlichen Yogaübungen, die aus früheren Zeiten überliefert wurden und die Energie speichern. Die Übung, mit der Energie gespeichert wird, nennt man „Tapas“ oder „Hitze erzeugen“. Der Gedanke, der hinter Tapas steht, ist, dass Energie von den feinsten Ebenen der Wirklichkeit, dem unbewussten Geist, in den bewussten Geist und durch die Sinne nach außen in die Welt fließt. Die Quelle dieser Energie, das Selbst (das nicht Energie ist), ist grenzenlos; insofern ist die Energie grenzenlos. Deshalb ist das Universum, das nur aus Energie besteht, grenzenlos.

Wenn jedenfalls die Energie auf der Ebene der Sinne zurückgehalten wird und man ihr nicht erlaubt, zu den Objekten zu fließen (Aktivitäten, welche sie zerstreuen), wird sie sich im Geist ansammeln, der ebenfalls grenzenlos ist, da er nur das Selbst in der besonderen Energieform von Chitta ist. Die Übung bedarf beträchtlicher Willenskraft, da die Vasanas dynamisch sind und sich selbst ausdrücken müssen; wenn man sie also hindert, bleiben sie in Form von Hitze im Geist. Wenn sich ausreichend Energie im Geist angesammelt hat, erzeugt er Licht. Diese Art von geistiger Energie gleicht Wasser hinter einem Damm. Sie scheint still und leuchtend zu sein, doch sie hat ein gewaltiges Potential. Wenn man ihr erlaubt, aus dem Geist auszutreten, fließt sie in weniger dynamische Bewusstseinsformen und erhebt sie, so wie fließendes Wasser ein Loch in der Erde auffüllt.

Der Hauptzweck dieser Übung besteht darin, Vasanas zu verbrennen, damit der Geist rein genug für die Erleuchtung wird. Wenn er auf diese Weise Energie ansammelt, kann die Energie latente Tendenzen im Chitta aktivieren und bestimmte wunderbare „übernatürliche“ Kräfte können auftreten, einschließlich der Fähigkeit, andere zu „erwecken“. Tatsächlich dreht es sich bei der Erfahrung nicht um etwas besonders „Spirituelles“ („spirituelle“ Erweckungen geschehen eher in allen erdenklichen „weltlichen“ Umständen als in scheinbar „spirituellen“ Settings), außer dass das Beisammensein mit so einer Person in einem „spirituellen“ Setting stattfindet. Wenn der Strebende sich über das Ziel der Erleuchtung nicht klar ist, mag er versucht sein, diese Situation für sich auszunutzen, um eine immer leichtgläubige, sensationslüsterne Öffentlichkeit zu beeindrucken, die von der wahren Natur der Erleuchtung keine Ahnung hat. Und da das Ziel noch nicht erreicht wurde, meint der Yogi oft, die Erfahrung intensiver Energie sei das Ziel, und verbreitet den Glauben, Erleuchtung sei eine bestimmte Art von Erfahrung. Vor allem die New Age Kultur und die heutigen Satsanglehrer sind dafür verantwortlich, dass dieser frustrierende Glaube verbreitet wird.

Die Tatsache jedoch, dass eine Person über außergewöhnliche Energie verfügt, schließt nicht aus, dass er oder sie erleuchtet ist. Wenn ein Mensch den Geist vor der Erleuchtung nämlich gereinigt hat, wird er Energie und Erleuchtung haben. Wenn Erleuchtung trotz des jeweiligen geistigen Zustandes eingetreten ist, kann dieser von der Sicht des Selbst aus schnell gereinigt werden und lässt den Menschen energievoll und weise werden.

Sehr oft zieht eine unerleuchtete Person mit bestimmten Gaben viele Menschen an. Im geistigen Fokus vieler Menschen zu stehen steigert ihre geistige Energie und dann fließt die Energie zum Bewusstsein der betreffenden Menschen zurück und erzeugt eine Reihe von Erfahrungen, von erhabenen bis zu dämonischen ... je nach dem Zustand des Geistes, der die Energie kanalisiert, und dem Bewusstsein derjenigen, die sie aufnehmen. Dieser Mensch wird so wie der Shaktipat Guru oft für erleuchtet gehalten, weil er oder sie sehr kraftvoll zu sein scheint. Da der Geist nicht richtig gereinigt wurde, kann er in hohen Schwingungszuständen nicht normal funktionieren und wird unstabil. Dann verliert diese Person ihre Unterscheidung und trifft törichte Entscheidungen, die ihr Leben und das Leben der Menschen, die sich mit ihr verbinden, tatsächlich ruinieren. Die jüngste spirituelle Geschichte ist voll von solchen Geschichten dieses traurigen Phänomens.

Es ist durchaus möglich und tatsächlich eher die Regel als die Ausnahme, dass ein gewöhnlicher Mensch mit einem normalen Geisteszustand erwacht und weiter bestrebt ist, Erleuchtung zu „erlangen“. In diesem Fall wirkt die Person, die im Grunde das Selbst ist und es weiß, durch ein ganz normales Leben und keiner, der mit ihr in Kontakt kommt, ahnt etwas von ihrem „Zustand“.



• Das Problem der Sprache

Zwei Sprachen herrschen in der spirituellen Welt. Die populärste und ungenaueste ist die Sprache der Erfahrung, die durch die yogische Tradition verbreitet wurde. Die unpopulärste und präziseste ist die Sprache der Einheit oder der Erkenntnis, derer sich Vedanta bedient. In der besten aller möglichen Welten sollte keine Fremdbestäubung stattfinden. Ein jedes hat seinen Wert und entspricht der jeweiligen Ansicht von Erleuchtung.

Da die yogische Auffassung von Erleuchtung „erfahrungsbezogen“ ist, bedient sie sich einer dualistischen Sprache, da Erfahrung dualistisch ist und eine Beziehung zwischen einem Subjekt und einem Objekt beinhaltet. Nach dieser Ansicht ist Erleuchtung eine einzigartige permanente Erfahrung des Selbst. Das Problem mit dieser Ansicht ist, dass die Upanishaden, die höchste Autorität über die Natur der Erleuchtung, das Selbst, das alles ist, was existiert, in der Sprache der Identität als eine „nicht-duale“ Wirklichkeit beschreiben und Erleuchtung als das Wissen „Ich bin das grenzenlose Selbst“, basierend auf unserer eigenen Entdeckung als jenes Selbst.

Die normale Entwicklung im Verstehen führt uns von der Sprache der Erfahrung zur Sprache der Identität. Es gibt viele Menschen in der spirituellen Welt, die einiges an Erfahrung der Reflexion des Selbst im sattvischen Geist gemacht haben und die den zuvor erwähnten Stufen der Erleuchtung zufolge als selbstverwirklicht bezeichnet werden könnten. Aber diese Menschen sind zu Recht nicht zufriedengestellt und hegen weiterhin Zweifel über ihren „Zustand“. Meistens hat der Zweifel damit zu tun, den Zustand dauerhaft zu machen, was unmöglich ist, da sich die Person und ihr reiner Geist noch im Bereich der Zeit befinden. Mit anderen Worten herrscht immer die realistische Angst, dass die Erfahrung nicht dauerhaft sein wird. Und obwohl sie der Erleuchtung von der Erfahrung her so nah sind, entzieht sie sich ihnen. Und der Grund? Weil sie Gefangene der Sprache der Erfahrung sind.

Die Sprache, die wir benutzen, ist ein Hinweis darauf, wie wir denken. Und an diesem Punkt, an dem die Erfahrung mehr oder weniger ständig zugänglich ist, ist die einzige Barriere, die es verhindert, dass die Erfahrung zu einem „permanenten“ Zustand wird – nicht dass Erleuchtung ein Zustand ist – die Art und Weise, wie man denkt. Das, was an diesem Zeitpunkt passieren muss, ist, dass das Individuum die Sprache der Erfahrung in die Sprache der Identität verwandeln muss. Die Sprache der Identität besagt, dass der Erfahrende und das, was erfahren wird, nicht zwei getrennte Dinge, sondern tatsächlich dasselbe sind.

Bei jedem Objekt, das erfahren wird, taucht gleichzeitig das Wissen um das Objekt im Intellekt auf. Und wenn der Geist rein ist, in dem das Selbst reflektiert wird, dann wird gleichzeitig die Erkenntnis des Selbst im Intellekt erscheinen. Diese Erkenntnis hat die Form eines Gedankens, ein Akhandakara Vritti, ein ununterbrochenes Verstehen, dass ich das ganze und vollständige, reglose Gewahrsein bin, das ich erfahre. Wenn die Person daran gewöhnt ist, das Selbst als ein Objekt zu betrachten, dann wird sie zögern, den Erfahrenden aufzugeben, und das Selbst wird weiterhin ein erfahrenes Objekt bleiben. Die Hingabe bedeutet, die Auffassung seiner selbst als ein Erfahrender loszulassen und seine grenzenlose Identität anzunehmen.

Wäre die Person in der Sprache der Identität geübt, dann würde dieses Problem gar nicht aufkommen. Dann würde die Person den Inhalt der Erfahrung sofort als „Ich“ erkennen und das wäre das Ende des Prozesses. Der ganze Vedanta kann auf die eine einfache Gleichung der Upanishaden reduziert werden „Du bist DAS“, wobei „DAS“ das Selbst ist und „du“ das Selbst in der Form des Erfahrenden und das Verb „bist“ auf die Identität von beiden verweist.


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Obwohl Vedanta in der Öffentlichkeit bekannt ist, wurden viele dieser Auffassungen einer weniger bekannten Broschüre von Swami Dayananda Saraswati entnommen, der vielleicht Indiens führender Vedantalehrer ist. Die Broschüre trägt den Titel „Die Lehrtradition des Advaita Vedanta“ und wurde für Menschen verfasst, die sowohl in Sanskrit als auch in Vedanta bewandert sind, vielleicht seine zahlreichen Schüler, und daher ist sie kein leichter Brocken für jemanden, der den traditionellen Vedanta nicht kennt. Die Notwendigkeit, zum traditionellen Vedanta zurückzukehren, erhob sich deshalb, weil Vedanta und Yoga in den letzten hundert Jahren vermischt wurden, was zu vielen Verwirrungen im Hinblick auf die Natur der Erleuchtung geführt hat.

Diese Vermischung ist nirgendwo besser erkennbar als in den Lehren meines Gurus Swami Chinmayananda, einer außergewöhnlichen Persönlichkeit und einem der berühmtesten und erfolgreichsten Lehrer des letzten Jahrhunderts, der eine Renaissance des Vedanta im postkolonialen Indien einleitete. Der Swami, der eine bekannte Persönlichkeit in Indien war, stellte sich selbst als einen „modernen“ Swami dar und seine Lehren wurden als „moderner“ Vedanta bekannt, vielleicht um ihre Anziehungskraft in einem Entwicklungsland zu steigern, das darum kämpft, in die Ära der Neuzeit einzutreten.

Swami Dayananda, welcher der Chinmaya Mission viele Jahre lang diente und darauf vorbereitet worden war, nach dem Tode Chinmayanandas die Mission weiterzuleiten, der sich jedoch später von ihr löste und unabhängig weiter Vedanta lehrte, beginnt seine Abhandlung mit dem Satz „Ich bezeichne mich als einen traditionellen Lehrer des Vedanta“ und er fährt im weiteren Verlauf fort, viele der Streitpunkte des „modernen“ Advaita im Licht traditioneller Lehren zu analysieren.

Und obwohl Chinmayananda mein Guru war und mich seine Lehren zur Erleuchtung geführt haben, stelle ich fest, dass ich nach vielen Jahren der Überlegung Swami Dayananda voll bestätigen kann, der die Notwendigkeit vertritt, Vedanta von den Ideen zu befreien, die sich unweigerlich einschleichen, vor allem von der Auffassung der Erleuchtung als einer transzendentalen Erfahrung oder einer Erfahrung des Selbst. Wenn die traditionellen Lehren nicht bewahrt bleiben, wird Vedanta in einigen Generationen nicht mehr ein erfolgreiches Instrument der Selbsterkenntnis sein. Traditionelles Vedanta bedeutet, dass all diese Auffassungen nicht einem Individuum zugeschrieben werden, sondern auf die Upanishaden, Brahma Sutras und die Bhagavad Gita zurückgehen, und dass Erleuchtung letztlich eine Sache des Verstehens und nicht der Erfahrung ist. Swami Dayananda ist ein hervorragender Lehrer des Vedanta, der in den traditionellen Lehrmethoden äußerst bewandert ist, und es gibt an seiner Darstellung des Vedanta einfach nichts auszusetzen.

Über zehn Jahre lang stellte ich Chinmayas modernen Vedanta nicht in Frage und verkündete ihn eifrig, da er mich zur Erleuchtung geführt hatte. Doch nach und nach wurde ich ruhiger und das Selbst erhellte auch die entlegensten Bereiche meines Bewusstseins. Ich wandte mich wieder den alten heiligen Schriften zu und begann zu verstehen, dass Yoga und Vedanta sich auf der höchsten Ebene der spirituellen Evolution trennen müssen. Als ich dann auf Swami Dayanandas Broschüre stieß, bestätigte sie meine eigenen Überlegungen.

Ich übernahm den Aufbau der Abhandlung, folgte Dayanandas Logik, übersetzte viel vom Sanskrit ins Englische, übernahm und verbesserte bedenkenlos einige seiner Redewendungen und erweiterte den Text noch dadurch, dass ich eine Reihe von Auffassungen anführte, die mit verbreiteten Missverständnissen zum Wesen der Erleuchtung zu tun haben. Ich glaube, dass es wichtig ist, sich heutzutage für den Vedanta einzusetzen, da Europäer und Amerikaner ihn gleichermaßen auserkoren und enorm verfälscht haben. Westler nehmen sich selten die Zeit, eine alte Tradition als Ganze und von innen her, so wie sie ist, kennen zu lernen. Stattdessen nehmen sie nur die leichtverdaulichen Ideen heraus, die sie anziehen. Haben sie dann einmal das Erwünschte erbeutet, vermischen sie es schnell mit populären Auffassungen grundverschiedener Herkunft, um verkümmerte und lächerliche Mischformen hervorzubringen.

Es ist wichtig, Vedanta rein zu halten, da er ein Instrument zur Erleuchtung ist, das sich über die Zeit hinweg bewährt hat. Wenn man ihn verfälscht, kann er seine Aufgabe, die Unwissenheit über die grenzenlose Natur des Selbst zu beseitigen, nicht mehr erfüllen.

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